"Alles mir - du darfst nicht an meine Spielsachen gehen!"
Kennt ihr das? Ein Kind ist zu Besuch und euer Kind, ca. 4 Jahre alt, lässt das fremde Kind nicht an seine Spielsachen ran. Ihr erklärt dem Kind, dass das Besuchskind auch spielen möchte – aber nichts zu machen. Das Geschreie ist groß, das Besuchskind ist traurig und ihr als Eltern seid ein wenig verzweifelt oder auch richtig sauer.
Was hilft? In dieser Situation, wenn die Emotionen das kindliche Gehirn schon im Griff haben, nützen schöne Worte und kluge Erklärungen nichts mehr. An diesem Punkt geht der Weg nur durch die Emotionen durch. Fühlt euch in euer Kind ein, versteht, dass es sich gerade bedroht fühlt. Fühlt mit! Zeigt ihm, dass ihr es versteht und dass seine Gefühle berechtigt sind.
Und bleibt gleichzeitig dabei, dass das Besuchskind auch mit einigen Spielsachen spielen darf. Einige Dinge dürfen in Sicherheit gebracht werden, aber nicht alle. Mit einigen Dingen darf das Besuchskind spielen. Haltet aus, dass es dauert! Schön wäre es natürlich, wenn sich in der Zwischenzeit ein anderer Erwachsener mit dem Besuchskind beschäftigen könnte.
Wenn Kinder ihre Ängste durchleben können und dabei angenommen und gehalten werden, kooperieren sie am Ende (meistens) – sie sind durch die Emotionen hindurch gegangen und können sich entspannen.
Trotzdem, das ist ein schwieriger, intensiver und oft langer Weg. Viel besser ist es, den Besuch vorzubereiten und mit dem Kind zu sprechen, bevor das Gehirn des Kindes im Alarmmodus gelandet ist.
„Heute kommt Alina zu Besuch. Sie wird ein paar Stunden bleiben und mit deinen Spielsachen spielen wollen. Gibt es Dinge, die du lieber wegtun möchtest? Mit welchen Spielsachen kann sie spielen?“
Ab einem Alter von ungefähr vier Jahren entwickelt sich allmählich echte Empathiefähigkeit: Kinder können sich zunehmend in andere einfühlen. Das können sie natürlich am besten, wenn sie selbst Empathie erleben, das heißt, wenn ihre Gefühle angenommen und ernstgenommen werden. Zur Empathiefähigkeit und zur emotionalen Kompetenz gehören aber auch das Wahrnehmen und Erkennen der Gefühle und Bedürfnisse von anderen. Und darum ist es wichtig, dass Eltern auch ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse zum Ausdruck bringen.
Und eine solche Situation wie die mit dem Besuchskind kann dazu genutzt werden, Einfühlung in das Besuchskind zu fördern: „Was glaubt du, wünscht sich Alina, wenn sie bei uns zu Besuch kommt? Wie wird sie sich fühlen, wenn sie nicht mit deinen Sachen spielen darf?“
Das funktioniert natürlich nur, wenn das Kind gerade entspannt ist, das heißt, wenn seine Bedürfnisse befriedigt sind, es sich gut versorgt fühlt.
Schlagen die Emotionen schon hohe Wellen, braucht das Kind selbst Empathie, bevor der Blick nach außen gerichtet werden kann.
Empathie ist eine hohe menschliche Fähigkeit und auch ein Wert. Es lohnt sich, diese Fähigkeit zu fördern, in dem wir auf der einen Seite die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes ernst nehmen, zum anderen aber auch die Werte Gemeinsamkeit, Teilen, Rücksichtnahme und Empathie vermitteln.